Entstehung des russisch-japanischen Konflikts
Die Situation in Japan
Die Japaner hatten, wie die Chinesen, über zwei Jahrhunderte lang ihr Inselreich in der Selbstabschließung gehalten, bis 1853 amerikanische Kriegsschiffe unter Invasionsdrohung eine „Politik der Offenen Tür“ erzwangen. Kommodore Matthew Perry landete am 8. Juni mit vier amerikanischen Kanonenbooten in der Bucht von Edo (dem heutigen Tokio), um ein Schreiben des US Präsidenten zu übergeben . Darin wird die gastliche Aufnahme Schiffbrüchiger, die Bereitstellung von Proviant, Wasser und Kohle für fremde Schiffe und die Öffnung eines japanischen Hafens für den Handel mit Amerika verlangt. Mit dem Vertrag von Kanagawa vom 31. März 1854 wurden die geforderten Konzessionen erreicht. Ähnliche Verträge mit Großbritannien (1854), Russland (1855), den Niederlanden (1856), Frankreich und Preußen (1861) folgten. Die Politik der „Open Door“ war ein beliebtes Instrument in Asien, so erzwang 1876 Japan militärisch die Öffnung von drei koreanischen Häfen und 1899 die USA die Öffnung Chinas. Ziel war, dass allen Staaten die gleichen Handelschancen in China garantiert werden.
Mit der gewaltsamen Öffnung nach außen erkannten die Japaner, dass nur durch eine Anpassung an Staatsorganisation, Militär, Wirtschaft und Technik des hoch überlegenen europäischen Kulturbereichs die eigene Macht zu stärken sei. Der außergewöhnliche Transformationsprozess konnte nur gelingen, wenn die Vereinbarkeit mit den japanischen Traditionen gegeben war. Diese Übereinstimmung wurde nicht im britischen, sondern im preußischen Vorbild gefunden, vor allem auf dem Gebiet des Rechts, im Bildungs- und im Militärwesen. Das 1868 restaurierte Tennosystem aus dem Frühmittelalter, das Japan vor Umstürzen wie in China bewahrt hatte, stand damit im Einklang. Gleichzeitig ging damit eine Loyalitätsverlagerung einher, von dem herrschenden Shogunat –den Familiendynastien die die Regierungsgewalt ausübten- hin zu den Tennos, die bis dahin politisch bedeutungslos in Kyoto gelebt hatten. Japan war seit 1890 ein Verfassungsstaat und verfügte über ein Zweikammer-Parlament, dessen schärfste Waffe das Budgetrecht war. Das Kabinett wurde zwar vom Tenno berufen, setzte sich aber zunehmend aus Parteipolitikern zusammen. Die militärischen Führungsstrukturen entsprachen weitgehend dem deutschen Aufbau. So war der Kriegsminister für Rüstungs- und Finanzfragen, der Generalstabschef für Planung und Ausbildung und eine dem deutschen Militärkabinett ähnliche Einrichtung für Personalfragen zuständig.
Japans Aufstieg zu einer modernen Weltmacht vollzog sich schrittweise und erreichte mit dem Sieg über Russland 1905 seinen Höhepunkt. Nach der Öffnung durch Perry waren die Japaner gezwungen gewesen, Zugeständnisse zu machen um sich Zeit zu verschaffen. Während dessen lernten sie von den Europäern die Kunst der hohen Diplomatie und die Durchsetzung ihrer Interessen mit militärischen Mitteln. Im Jahr 1872 dehnte sich Japan auf die Ryukyu- und Bonin Inseln aus und 1875 konnten von Russland per Vertrag die Kurilen gewonnen werden. Weitreichende soziale und wirtschaftliche Reformen in der Meiji Ära öffneten die Tür zu beachtlichem wirtschaftlichen Wachstum. Der merkantilistische Slogan des 18./ 19. Jahrhunderts bestimmte wieder das Handeln vieler: fukoku-kyohei „bereichere das Land und stärke das Militär“. Das Ende der sogenannten Matsukata-Deflation 1886 kennzeichnet den Beginn der eigentlichen, modernen Entwicklung der japanischen Wirtschaft. Die Handelsbilanz wurde in der frühen Entwicklung durch den Export von Seide und Baumwollprodukten ausgeglichen. Die Mechanisierung der Spinnverfahren spielte hierbei natürlich eine große Rolle. Zunehmend begann Japan verschiedenartige Industriegüter zu produzieren. Dies wirkte sich erst nach 1905 fühlbar auf den heimischen bzw. den Weltmarkt aus, aber man erkannte bereits die Richtung und das Potential der neuen wirtschaftlichen Entwicklung. Diwald spricht in seinem Buch davon, dass „[...] die wirtschaftlichen Entwicklung zur militärischen Expansion so auffallend deutlich parallel lief, dass es auch am Beispiel Japans gerechtfertigt wäre, von einem Modell für den allgemeinen Imperialismus der Jahrhundertwende zu sprechen.“
Unvermeidlich trat das Kaiserreich als Konkurrent der europäischen Machtinteressen im geschwächten und abhängigen China auf. Im Zuge eines steigenden nationalen Selbstbewusstseins hatte sich Japan von den Jahrhunderte alten Beziehungen zu China distanziert und auch geistig-kulturell entfremdet. Kaum minder drängte das überschüssige Bevölkerungswachstum zum Landerwerb, der nur auf dem Festland möglich war. Japans Hauptinteresse galt dabei Korea, dessen äußerste Landspitze nur ca. 200 km entfernt war. Gestützt wurde dieser Expansionsdrang vom japanischen Heer, das sich mit der Marine deswegen in Streit befand. Das Heer vertrat das imperiale Konzept einer territorialen Ausbreitung in China und Korea. Die Marineführung schloss sich den kapitalorientierten Wirtschaftsgruppen an, die eine Ausbreitung im gesamtem pazifischen Südraum bis hin zu Australien forderten. Im Endeffekt sollte diese Position siegreich bleiben.

