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23.11.2017 : 8:03 : +0100

 

Russland und seine Ostasienpolitik

 

Das zaristische Russland war eine alteingeführte Großmacht, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast den europäischen Kontinent dominierte. Nach der Niederlage im Krimkrieg eingeleitete Reformen stagnierten seit dem Tode Zar Alexanders II. im Jahre 1881. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der russische Zar immer noch ein autokratischer Herrscher. In Russland gab es keine Verfassung, bis 1905 kein Parlament, und keine (legalen) Parteien. Russland verfügte über keinen Koordinierungsfunktionen ausübenden, Ministerpräsidenten, sondern über vom Zaren nach seinem Gutdünken eingesetzte und nur ihm verantwortliche Minister. Die wichtigsten unter ihnen waren Finanzminister Witte, Kriegsminister Kuropatkin, Innenminister Plehwe und Außenminister Lamsdorff, welche ihre speziellen Ressortinteressen in steten Kämpfen untereinander beim Zaren durchzusetzen versuchten. Auch Nikolai nutzte die Rivalitäten und Zwistigkeiten um die Oberhand zu behalten. In seinen Augen war der einfachste Weg „um seine autokratischen Privilegien zu wahren, nur seine Beamten schwach und untereinander zerstritten zu halten“. 


Politisch, ökonomisch und sozial standen in Russland viele Probleme zur Lösung an. Der wirtschaftliche Entwicklungstand im Land war unterschiedlich, bereits hoch entwickelten Regionen im europäischen Teil standen wenig entwickelte Regionen (z. B. im Kaukasus und in Mittelasien) gegenüber. Besonders hatte sich die Agrarfrage, die Ausstattung der Bauern mit Boden, zugespitzt. Der maßgeblich vom Finanzminister Witte gesteuerte Industrialisierungsprozess erfolgte wie in Japan auf Kosten der Bauern.  Eine Reihe von nationalen Minderheiten vor allem in Russisch-Polen, in Finnland, im Baltikum und im Kaukasus strebte nach nationaler Selbständigkeit und Autonomie. Die russischen Mittelschichten, insbesondere die zu radikalen Ansichten neigende „Intelligentsia“, forderten politische Mitbestimmung.  Trotz allem war Russland gewillt seinen Platz unter den Großmächten zu behaupten und auszubauen. Wie in anderen Ländern grassierte in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts als typisch imperialistische Erscheinung der ‚Navalismus’.  Russland hatte zur Jahrhundertwende nach England und Frankreich die drittgrößte Kriegsflotte der Welt, 1906 war es nur noch die siebtgrößte.  1898 wurde ein spezielles ‚Programm für die Belange des Fernen Ostens’ verabschiedet, das der Gefahr einer stetig anwachsenden japanischen Flotte begegnen sollte. Erstaunlich ist, dass für die Pazifikgeschwader keine konkreten strategischen Aufgaben gestellt wurden wie etwa der Baltischen- oder der Schwarzmeerflotte. Monakov hat sehr treffend bemerkt, dass diese Tatsache „[...] der unanfechtbare Beweis dafür [ist], dass die nationale Strategie Rußlands im Angesicht der unausweichlichen Konfrontation mit Japan durch das Fehlen greifbarer politischer und militärischer Ziele gelähmt war.“


Während sich Russland im 16. bis 18. Jahrhundert vorrangig in Sibirien ausgebreitet hatte, folgte im 19. Jahrhundert eine Expansion in Mittelasien und im Fernen Osten. Dabei trat 1895 Russland als Protektor Chinas auf, um ein Festsetzen Japans auf dem Asiatischen Kontinent zu verhindern und um selbst in der Mandschurei (Liaotung Halbinsel mit Port Arthur) Fuß zu fassen. Des weiteren waren Korea und die Mongolei von Interesse, und im Angesicht eines politisch wie militärisch schwachen Chinas war sogar eine Annexion denkbar und schien auch erfolgversprechend.


Die Gestaltung der russischen Politik in Asien ist untrennbar mit der Person des Sergei Julievich Witte verbunden. Russische Kreise, die durch ihn verkörpert wurden, strebten zur Erhaltung der russischen Autokratie und Großmachtstellung eine wirtschaftliche Modernisierung und eine Art ‚gesteuerte’ industrielle Entwicklung an. Im Fernen Osten schwebte Witte dabei ein ‚informelles’ Wirtschaftsimperium vor. Im Rahmen einer derartigen Politik hatte eine wirtschaftliche Expansion, gekennzeichnet durch die Erschließung neuer Märkte und Ressourcen, großes Gewicht. Ein solches Unternehmen war zu dieser Zeit ohne Eisenbahnen unmöglich. Daher und natürlich auch aus militärstrategischen Erwägungen resultiert die hohe Bedeutung der 1891 begonnenen Transsibirischen Eisenbahn . Mit dem Bau der transsibirischen Eisenbahn zeigte Russland ganz offen seinen Trend zum warmen Wasser im Gelben Meer. Der Haupthafen der russischen Pazifikflotte war bis dahin das 1860 gegründete Wladiwostok gewesen, das allerdings drei Monate im Jahr vereist. Der Einfluss Japans auf den Hafen ist evident: Im Norden wird die Straße von La Perouse durch das japanische Hokkaido und die Kurilen flankiert, der Hauptseeweg im Süden mündet in den Flaschenhals der Korea Straße und ist durch die japanische Tsushima Insel leicht zu blockieren . Russland war daher stets auf der Suche nach einem komplett eisfreien Hafen und schien ihn in Port Arthur (Lushun) zu finden. Die russische Admiralität hatte weitergehende Ambitionen und favorisierte zusätzlich die Schaffung einer Marinestation an der Südspitze Koreas.  Der amtierende Marineminister Tyrtow fasste die Situation im Februar 1900 zusammen:

„Japan ist hinsichtlich Koreas fast in der gleichen Situation wie wir in Bezug auf den Bosporus, und es ist sehr wahrscheinlich durch entsprechende Überlegungen dazu veranlasst worden, Pläne für eine plötzliche Besetzung Koreas auszuarbeiten, ähnlich denen, die bei uns hinsichtlich des Bosporus erörtert werden ... Rußland bedarf natürlich keiner territorialen Erwerbungen ... und wird im Fernen Osten keine aggressive Politik führen, aber Japan kann an einer solchen Politik nur durch die Drohung mit einer wirksamen Macht gehindert werden“

Weiter: Frühe Konfrontationen im koreanisch-asiatischen Raum