Masaryks politisches Denken
Die Entwicklung in der Jugend: Religion, Nationalität, Philosophie
In Masaryks Jugend gab es sichtlich nur drei oder vier Menschen, die nachhaltig auf ihn wirkten. Nicht nur als Wissensvermittler, sondern vielmehr noch als Vorbilder und Impulsgeber für den eigenen Reifeprozeß. In zeitlicher Folge war dies zuerst seine Mutter, von der Masaryk selbst sagte: „Mutter war klug und erfahren, kannte ein Stück Welt, hatte längere Zeit in bester Gesellschaft gelebt, wenn auch nur im Dienst; [...]“ . Sie war sehr fromm und eröffnete ihm „ [...] insbesondere durch die Art des gefühlsmäßigen Erlebens der katholischen Liturgie, die Dimension der Gefühlssinnigkeit.“ In seinem späteren Verhalten wird auffallen, daß er in seinem Handeln stets vollkommen aufklärerisch, nüchtern und bar jeder Gefühlsbetontheit wirkt. Dennoch war Masaryk immer voller Menschlichkeit. Sein berühmtes Motto Jesus- nicht Caesar ist ein Beleg dafür. Er versuchte zu sagen der Mensch- nicht die Politik. Er verneinte die Mittel Caesars, wie Macht, Gewalt, Polizei, Zentralismus, aber natürlich auch Diktatur, Totalität und Monopol.
Die zweite Person war der katholische Priester Franz Satora. Ebenfalls ein Gefühlsmensch, voll Liebe zu den einfachen und armen Menschen. Die Gleichgültigkeit der katholischen Obrigkeit in der sozialen Frage empörte ihn und er kämpfte stets dagegen und ebenso gegen die kirchliche Routine an. Satora zeigte Masaryk die Spaltung und Zwietracht des Katholizismus auf. Er führte ihn aber auch in die Welt des Studiums und der Bücher ein; eine Welt, die Masaryk sein Leben lang faszinierte.
Während seiner Zeit in Brünn begegnet Masaryk einem weiteren Katecheten, Matej Procházka. Er machte ihn mit der Theorie des christlichen Sozialismus vertraut. Procházka wurde für Masaryk auch durch seine Beziehung zur Arbeiterfrage interessant.
Auf der Universität in Wien trifft Masaryk schließlich auf den Philosophie Professor Franz Brentano. Ein bekennender Häretiker und für Masaryk, der bis zu diesem Zeitpunkt zu kritischer und ketzerischer Anschauung gereift ist gerade der richtige Mann. Masaryk sagt über Brentano: „Während meiner Wiener Studentenjahre übte der Philosoph Franz Brentano als Lehrer und Mensch den größten Einfluß auf mich aus. (...) Mir half er viel durch die Betonung der Methode, der Empirie und vielleicht am meisten durch das Vorbild seiner durchdringenden Kritik der Philosophen und ihrer Lehren.“
Masaryk, nach seiner eigenen Philosophie gefragt antwortete: „ [...] Ich habe mich nie für einen Philosophen ausgegeben, schon gar nicht für einen Metaphysiker. [...] Mit Recht. Ich lehrte Geschichte der Philosophie, Geschichtsphilosophie, Soziologie; natürlich legte ich meine Philosophie, meine Metaphysik da hinein, doch habe ich sie systematisch weder vorgetragen noch niedergeschrieben.“ Seine Weltanschauung ist nicht leicht einzuordnen, ebenso wie es schwerfällt zu sagen ist, was er eigentlich war. Philosoph, Politiker, Wissenschaftler, Moralist oder Essayist? Formulierungen wie philosophierender Politiker oder politisierender Philosoph versuchen dieser Vielseitigkeit Rechnung zu tragen.
Nationalismus war Masaryk im Großen und Ganzen unbekannt. Er sprach oft von der kleinen Nation und der kleinen Minderheit der Tschechen. Aber die Quantität bei einem Volk ist nicht alles. Um dies und die geographisch ungünstige Lage auszugleichen müßte „jeder bewußte Tscheche und Slowake [...] dreimal soviel tun wie die Mitglieder großer , in vorteilhafter Lage befindlicher Nationen.“ Man dürfe keine Mühen scheuen und müsse echte, tiefe Liebe für das Volk zeigen. Die Liebe zu seinem Land war für ihn selbstverständlich, genauso selbstverständlich, wie ein jeder Mensch seine Eltern, seine Frau und seine Kinder liebt, ohne es jedoch immer und überall herauszuposaunen.
Aufgrund der bedeutenden Minderheiten war sich Masaryk stets des Unterschiedes zwischen Staat und Volk bewußt. Der Unterschied zwischen kultureller (Volk) und politischer (Staat) Institution. Der von ihm sehr verehrte Schriftsteller Karel Havlicek (1821-1856), dem er auch ein Buch widmete, drückte es so aus: „Früher starben die Männer für die Ehre, für das Wohl ihres Volkes, wir aber werden aus demselben Grunde leben und arbeiten.“ Masaryks Programm hieß immer Humanität.
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