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20.5.2012 : 4:01 : +0200

Politische Theorie und Praxis

Masaryk war überzeugt davon, daß die Politik, wie alles andere auch ethischen Grundsätzen untergeordnet werden muß. Am wirksamsten und praktischsten sei eine vernünftige und ehrliche Politik.

Ein politisches Programm ist leicht zu schreiben, aber „etwas anderes ist es, die Administrative zu kennen und sie anständig auszuüben; und wieder etwas anderes ist es, zu begreifen, worauf es zu gegebener Zeit für den Staat und die Nation ankommt, in schweren und verhängnisvollen Augenblicken den Weg zu zeigen, das geeignete Vorgehen zu bestimmen – und zu führen.“ 

Die Politik mußte für Masaryk auch immer Wissenschaft sein. Ihm mißfiel die Situation, daß es noch keine Politik als Wissenschaft an den Hochschulen gab. Sie war aufgeteilt auf die juristischen Fächer, Staatswissenschaften, Statistik und auf die philosophischen Fächer, Geschichte, Soziologie und andere. Angesprochen auf die Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher und praktischer, parlamentarischer Politik verglich er dies mit einem Abgrund, der „zwischen den religiösen Anschauungen der unzähligen Kirchengläubigen und denen der gebildeten Theologen“  klafft. Die Gründer und Führer -vor allem der tschechischen- Parteien mußten ohne die theoretischen Grundlagen zurechtkommen und sich in der Praxis die Theorie schaffen. Die Verbindung der Politik zur Philosophie bestand für ihn darin, daß sich beide um die gesamte Lebens- und Weltanschauung und somit auch um die Anschauung des Gesellschaftslebens bemühten.

„Heute umfassen die Politik und der moderne Staat alle Gebiete der gesellschaftlichen Administration und tun das in der Praxis, was die Philosophie theoretisch tut.“ 

So sei auch die Forderung Platos zu verstehen (dem sich Masaryk ein Leben lang verbunden fühlte), der Philosoph solle Herrscher sein. Für Masaryk muß der moderne Staatsmann kritisch, gebildet und weise sein, aber auch Phantasie haben. Das Denken der Menschen seiner Zeit verstehen und fähig sein die Richtung der gesellschaftlichen Entwicklung abzuschätzen. Die wichtigsten Eigenschaften aber die er haben muß sind Menschenkenntnis und Lebenserfahrung.

Sein Geschichtsbewußtsein

Masaryk hat stets die Bedeutung der Geschichte für die Politik hervorgehoben. Obwohl kein Historiker, sah er sich doch als Theologe, der den Sinn des Geschehens in seinem Land und in der Welt ergründen wollte. Tschechische Politik sollte Weltpolitik bzw. weltpolitisch orientiert sein. Er verweist hierbei auf Palacký und seine weltpolitische Zentralisation. Die kleine Nation in der Mitte des Kontinents hat an der Grenze von Rassen, Kulturen und Kirchen zu bestehen. Einige seiner bedeutendsten Schriften zur Geschichte entstanden in den Jahren zwischen 1895 und 1898, darunter „Die tschechische Frage“, „Jan Hus“ oder „Palackýs Idee vom tschechischen Volk“. Masaryk unterscheidet sich mit seinen Schriften stark von den Historikern seiner Zeit. Ihm ging es nicht primär um Ereignisgeschichte, um die Darstellung von Handlungen oder Personen. Er richtete sein Augenmerk stets auf das Geschichtsbewußtsein des heutigen Menschen, also nicht auf das was war, sondern auf das was die Menschen heute davon wissen. Es geht ihm nicht um Hus oder Palacký, sondern um das Heute, um unser Wissen über Hus oder darum was Palackýs Ideen heute für uns bedeuten. Welche Relevanz haben die Ereignisse von Damals für das Zusammenleben heute? Wann ist unser Geschichtsbewußtsein authentisch, und wann nicht? Am deutlichsten wird diese Thematik bei der Behandlung der Handschriftenkampagne.

Der Handschriftenstreit

Der Handschriftenstreit bewegte jahrzehntelang die tschechische Öffentlichkeit. Stein des Anstoßes waren die Königinhofer Handschrift und die Grünberger Handschrift. Beide waren Fälschungen des Prager Philologen und Bibliothekars Václav Hanka (1791-1861). Sie entstanden um 1818 und sollten dem tschechischen Volke „epische und lyrische Dokumente aus seiner halbmythischen Vorzeit geben.“  Die Handschriften sollten der Beweis sein für ein extrem hohes slawisches Kulturniveau, das tatsächlich innerhalb des Slawentums erst viel später erreicht wurde. Schon nach kurzer Zeit traten wissenschaftliche Zweifel an der Echtheit der Dokumente auf. Die Zweifler wurden von der Öffentlichkeit als nationale Verräter gebrandmarkt und es kam zu einer Krise der nationalen Moral. Masaryk sowie mehrere Literatur- und Sprachforscher setzten sich unablässig für die Wahrheit ein. Masaryk selbst war empört über die Bereitschaft der Masse, im Betrug zu leben und über die Fähigkeit sich eine Überzeugung einzureden, wenn sie nur den eigenen Interessen entspricht. Er erkannte was für eine schreckliche Kraft das Geschichtsbewußtsein hat, und wie gefährlich es sein kann, wenn es falsch und nicht authentisch ist. Masaryk schrieb in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Athenaeum:

„Ich verstehe nicht, wie jemand behaupten kann, daß die Ehre des Volkes eine Verteidigung der Handschriften erfordert! Die Ehre des Volkes erfordert die Verteidigung bzw. das Erkennen der Wahrheit, nicht mehr, und die Sittlichkeit und Tugend, einen Fehler zuzugeben, ist größer, als einen Fehler zu verteidigen, an dem vielleicht das ganze Volk teilhat.“

Demokratie und Theokratie

„Das tiefste Argument für die Demokratie ist der Glaube an den Menschen, an seinen Wert, an seine Geistigkeit und seine unsterbliche Seele; das ist die wahre, metaphysische Gleichheit. Ethisch ist die Demokratie als politische Verwirklichung der Nächstenliebe gerechtfertigt.“ 

Masaryk sieht sich durchaus als Theokrat, unter der Voraussetzung, daß man Theokratie wörtlich als Gottesherrschaft annimmt. Für ihn ist Demokratie nicht nur eine Staatsform, sondern vor allem eine Lebensanschauung, die beruht auf Menschlichkeit, Vertrauen und Liebe. Demokratie ist Diskussion, und Diskussion findet statt zwischen Gleichen, die einander vertrauen und ehrlich zueinander sind. Masaryk geht sogar soweit, daß er der französischen Revolution und ihren Rationalisten bescheinigt Theokraten gewesen zu sein, indem sie mit ihrer Losung –Liberté, égalité, fraternité- „de facto das Gebot Jesu, das Gebot der Nächstenliebe angenommen“ haben.

In seiner Weltrevolution stellt Masaryk sehr detailliert seine politischen Vorstellungen der neuen Tschechoslovakei dar. Die neue demokratische Republik erfordert einen neuen, unbeeinflußten Menschen, der sich von den alten politischen Gebräuchen lossagt und der sich vor allem „entösterreicht“. In der Demokratie kommt es dann nicht mehr darauf an zu herrschen, sondern sich selbst zu verwalten und die staatsschöpferischen Kräfte aufeinander abzustimmen. Aufgrund der Bevölkerungszahlen muß von direktem Regieren auf die Methode des indirekten Regierens durch Parlamente übergegangen werden. Die Demokratie, die „ein ständiges Streben nach politischer Erziehung“  ist, wird sich festigen. Institutionen werden sich etablieren und Persönlichkeiten, die zu schöpferischer politischer Arbeit fähig sind werden als Parlamentarier unter der Maxime leben: „Bildung und Sittlichkeit der Abgeordneten.“  Neben der Reform des Parlamentarismus wird der Moloch der Bürokratie zerschlagen werden. Vereinfachen, beschleunigen und abspecken. Die Demokratie nach außen äußert sich in kultureller Zusammenarbeit, Organisierung und Festigung der Zwischenstaatlichkeit und Arbeitsteilung der Nationen und Staaten. Diese „allgemeine demokratische Außenpolitik bedeutet allgemeinen Frieden, allgemeine Freiheit.“ 

Auch der Begriff der Staatssouveränität muß eine Wandlung erfahren. Entstanden zur Zeit des theokratischen Absolutismus war er geprägt durch die Abgeschlossenheit und Isolation der Staaten mangels Verkehrsmitteln. Der moderne Staat kann aber ohne internationale Wechselbeziehungen nicht existieren. Auch der Eindruck der Unfehlbarkeit der Souveränität muß abgelegt und demokratisiert werden. Ist schließlich alles eingerichtet, so muß durch stete Bildungsarbeit und politischen Nachwuchs der Bestand der Demokratie gesichert werden.

Masaryk war nach seinen eigenen Worten ein „[...] grundsätzlicher, aber kein blinder Anhänger der Demokratie. [...] Die Demokratie ist eine Gewähr des Friedens. Für uns und für die Welt.“ 

 

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