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23.9.2017 : 23:47 : +0200

Abschliessende Skizzen zum Gebirgskrieg

Italienisches Ehrenmal am Gavia Pass

 

Der Krieg in den Bergen war im November 1918 beendet. War es ein Kampf auf einem Nebenkriegsschauplatz? Wie ist der Konflikt zu bewerten?

Der Weltkrieg hatte von allen Beteiligten einen hohen Blutzoll verlangt . Für die gesamte K.u.k. Armee lässt sich folgende, einigermaßen realistische Bilanz ziehen: 1.300.000 Gefallene, hinzu kommen noch rund 4.500.000 Verwundete. Auf die Südwestfront (also den alpinen Kriegsschauplatz) entfielen dabei von diesem Gesamtverlust 2.578.000 (davon rund 60% durch feindliche Waffenwirkung, etwa 40% durch [epidemische] Krankheiten, Blitzschläge, Lawinenunfälle, Abstürze, usw.). Die Zahl der Tiroler Kriegstoten dürfte bei 30.000 liegen wobei etwa 20.000 Mann allein auf die vier Kaiserjägerregimenter entfallen . Die Italienische Armee hatte rund 636.000 Gefallene und 975.799 Verwundete am südwestlichen Kriegsschauplatz zu beklagen (mehrheitlich am Isonzo).

Der Krieg 1914/18 war keine Fortsetzung des Tiroler Bauernaufgebots der Jahre 1703 und 1809. Die romantisierenden Bilder jener Tage eines Bergvolkes, das in kleinen aber zu allem entschlossenen Gruppen von umstürmten Felsspitzen herab einen weit überlegenen Gegner in die Flucht schlägt fanden nicht statt. Es war ein grausames Sterben und der Tod im Gebirge hatte besonders viele Facetten. Beide Seiten hatten unter extremsten, unwirtlichen Bedingungen schier unglaubliches zu leisten vermocht. Der tägliche Kampf gegen die Naturgewalten zehrte aber an den Kräften und forderte unzählige Todesopfer. Richtig ist aber auch, dass der Krieg im Hochgebirge nicht von denselben Menschenmassen wie am Isonzo bestimmt wurde. Hierzu fehlte allein schon der Platz zur Aufstellung. Die Kämpfer waren eine eingeschworene Gemeinschaft was z.B. durch das Territorialprinzip bei den Standschützen noch verstärkt wurde. Meist kamen sie aus den selben Ortschaften und kannten sich schon lange Jahre. Umso schwerer wog der Verlust eines Kameraden und es sei an die Zeilen von Joseph Roth erinnert die im Gebirge besonders zutreffen:

„Damals, (...) war es noch nicht gleichgültig, ob ein Mensch lebte oder starb. Wenn einer aus der Schar der Irdischen ausgelöscht wurde, trat nicht sofort ein anderer an seine Stelle, um den Toten vergessen zu machen, sondern eine Lücke blieb, wo er fehlte, und die nahen wie die fernen Zeugen des Unterganges verstummten, sooft sie diese Lücke sahen.“

Trotz einer permanenten, zahlenmäßigen Unterlegenheit war es den Österreichern gelungen, bis Ende 1918 die Front zu behaupten, ja teilweise massiv nach vorne zu verlagern. Hierbei wurden sie zeitweise sehr tatkräftig vom Deutschen Alpenkorps unterstützt. Nicht zu vergessen sind auch die vielen Standschützen- und Freiwilligen Verbände, in denen oft Großvater und Enkel nebeneinander standen und denen das Halten der Widerstandslinie in den ersten Kriegstagen zu verdanken war. Die Hauptlast des Krieges trugen aber die Kaiserschützen, die die beeindruckendsten Kampfhandlungen in der Hochgebirgsfront ausführten. So eroberten sie den ersten Dreitausender der Kriegsgeschichte (Monte Scorluzzo, 3.094 m), siegten im ersten historisch belegten Gletschergefecht auf dem Presana-Gletscher und hielten die längste, ununterbrochene Frontlinie im Eis.

Doch mit dem Waffenstillstand der in der Villa Giusti bei Padua geschlossen wurde war der „Tod des Doppeladlers“ besiegelt. Die Waffenruhe galt nicht nur für die Südwestfront, sondern für alle österreichisch-ungarischen Truppen. Italien hatte sein Ziel erreicht und besetzte noch vor dem Zuspruch durch die Friedensverträge die von ihm beanspruchten Gebiete.  Am 10. September 1919 unterzeichnete schließlich Österreich den Friedensvertrag von St. Germain. Es musste das Trentino, Südtirol, Görz, Triest und Istrien endgültig an Italien abgeben. Offen blieb die Zukunft Dalmatiens, das nach dem Londoner Vertrag zu Italien hätte kommen sollen, das aber von Jugoslawien gefordert wurde. Der Streit um die Adriagebiete kulminierte in der handstreichartigen Besetzung der Stadt Fiume (Rijecka) durch den Dichter Gabriele D`Annunzio und seiner Gefolgsleute.

Und was geschah währenddessen in Österreich? Ein Strom von Kriegsheimkehrern flutete in die Heimat zurück, die doch so anders war als bei ihrem Auszug. Hunger und Revolution prägten das Bild in den Städten. In den ländlichen Gebieten und hier vor allem in Tirol fand man sich schneller wieder in das Alltagsleben ein. Die Männer nahmen ihre meist bäuerlichen Berufe wieder auf, bestellten die Felder und hatten ihr Auskommen. Aber auch hier hat der Krieg die Landschaft verändert und Weichen für die Erschließung der Berge gestellt. Die Gletscher waren erstmals erforscht worden und langsam entwickelte sich daraus eine neue Wissenschaft. Unzählige neue Wege und Kriegsstraßen waren gebaut und Seilbahnen machten die entlegensten Regionen zugänglich. Später sollten sich daraus die bekannten Wintersportzentren entwickeln. Aber wer denkt heute noch an dieses blutige Kapitel der `Entzauberung´ der Berge.